Anna Kira Hippert: Die Erben der Jedi-Ritter. Das „Machtkonzept“ von Star Wars als neues spirituelles Konzept?

Bild: unsplash.com, StockSnap, CC-0


„Die Religion der Zukunft wird das Kino sein und in Hollywood produziert.“ 

(Seeßlen 2000, 18-25.)

Zwar handelt es sich bei George Seeßlen um einen Filmkritiker und keinen Theologen, Philosophen oder Religionswissenschaftler, doch die Diskussionüber den spirituellen Charakter von Filmreihen ist in der Wissenschaft kein fremdes Feld mehr. Besonders die Star-Wars-Filme und ihre Anhängerinnen und Anhänger sind immer wieder Mittelpunkt dieses Diskurses. In den Medienspricht man sogar von „Star-Wars-Jüngerinnen/Jünger“ (Augsburger Allgemeine 2015), die zu Conventions oder Filmpremieren pilgern, um Star Wars und ihrem Schöpfer George Lucas zu huldigen. Diese inflationäre Nutzung von religiösen Begriffen scheint im öffentlichen Diskurs über Star Wars ganz normal. Im Jahr 2001. fand in England beispielsweise eine Volkszählungstatt, bei der rund 390.000 Einwohner bei ihrer Religion „Jedi Ritter“ angaben.Diese Volkszählung ging als Protest gegen den United Kingdom Census unter dem Titel „Jedi-Zensus-Phänomen“ in die Geschichte ein. (Spiegel Online 2016)

Dieses Essay soll der Frage nachgehen, inwiefern, das von George Lucas entworfene Konzept der „Macht“ Potential für ein reelles spirituelles Konzept hat. Das Heranziehen von Hubert Knoblauchs These der Populären Religion, welche in der Religionswissenschaft durchaus als kritisch gilt, soll hier eine Möglichkeit der Argumentation bieten, die Macht als oben genanntes Konzept zu konstatieren. Ferner soll der Machtbegriff erläutert und in Zusammenhang mit Knoblauchs These gebracht werden und anschließend am Beispiel des Jediismus verdeutlicht werden.

 

Populäre Religion

„Populäre Religion‘ kann in einem doppelten Sinne verstanden werden. Religion ist in dem Sinne wieder populär geworden, als sie in den unterschiedlichsten Kreisen und Diskursen ‚hoffähig‘, akzeptiert und sogar chic ist. Populäre Religion meint jedoch nicht (nur), dass die Religion, die wir schon immer kannten, nun populär ist, sondern auch, dass es sich um eine neue Form der Religion handelt, die sich durch ihre Popularität, ihren populärkulturellenGrundzug auszeichnet.“ (vgl. Koblauch 2007, 193).

Populäre Religion ist eng mit dem Begriff der Populär-Kultur verworren, der sich vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Verbreitung der Massenmedien, dem Massenkonsum und durch die Modernisierung etablierte.In der Soziologie ist der Begriff „populäre Kultur“ ein Sammelbegriff. Unter diesen fallen alle Ideen, Perspektiven, Verhaltensweisen, Vorstellungen, Bilder, die in einer bestimmten Kultur, speziell in der westlichen Welt, den Mainstream ausmachen (vgl. ebd.).

Ein weiterer wichtiger Aspekt Knoblauchs Untersuchung ist die Darstellung, wie die populäre Religion sich neuer Formen der Kommunikation bedient, nämlich jener der medialen Kommunikation, wie dies auch die populäre Kultur tut. Des Weiteren beschreibt dieser Terminus, dass die populäre Religion dieselben charakteristischen Züge wie die populäre Kultur aufweist. Genau wie die populäre Kultur basiert auch die populäre Religion auf zwei maßgeblichen Quellen. Das sind zum einen die Medien, zum anderen ist es der wirtschaftli- che/allgemeine Markt. Demnach konkurrieren die verschiedensten religiösen Strömungen wie Wirtschaftsunternehmen auf einem religiösen Markt um ihre Akteurinnen und Akteure. Jeder/Jedem interessierten Akteurin und Akteur ist es möglich, sich im Internet frei zu bewegen. Je nach Geschwindigkeit und Geschick ist es ihm möglich, in kürzester Zeit Informationen über die verschiedensten Religionsgemeinschaften zu beschaffen. Es kommt offensichtlich nicht nur zu einer Trennung von Sakralem und Profanem, sondern auch zu einer Verschiebung der allgemeinen Interessen. So steht nicht mehr das Heilsversprechen im Vordergrund, sondern der allgemeine Wohlfühlfaktor. Hier spielt der demografische Wandel eine tragende Rolle. Die Bevölkerung wird älter und das Leben nach dem Tod spielt eine untergeordnete Rolle. Es geht um das Hier und Jetzt. Was kann ich tun, um mich heute besser zu fühlen? Genau an dieser Stelle kommt es folglich zur Verwischung zwischen populärer Kultur und populärer Religion. Es entstehen neue soziale Formen der Religiosität, die die Kluft von Privatheit und Öffentlichkeit überschreiten und das traditionelle Religiöse durchsetzen und ergänzen (vgl. ebd.). Kurzum, wir haben es mit einer Wiederkehr von Religion zu tun, allerdings in gewandelter Gestalt.

Der oben genannte Abschnitt erläutert Hubert Knoblauchs These der populären Religion in einer stark gerafften Form. Im Folgenden soll nun der Machtbegriff in Star Wars erläutert werden, um diesen dann in Zusammenhang mit Knoblauchs These zu bringen.

Der Theologe Christian Feichtinger beschäftigt sich in seiner Dissertation von2015 „Gegenkörper: Körper als Symbolsystem des Guten und Bösen in Star Wars“ nicht nur mit den Archetypen des Guten und Bösen in Star Wars, sondern auch mit dem Begriffskonstrukt der Macht in Star Wars. Der folgende Abschnitt bezieht sich vorwiegend auf seine Interpretation der Macht.

 

„Möge die Macht mit dir sein!“

George Lucas schaffte mit anfänglich sehr viel Gegenwind ein mediales Phänomen, welches bis heute anhält. Erst nach dem Erfolg von Graffiti im Jahre 1973, bei dem Lucas Regie führte, ließ sich die Produktionsfirma Twentieth Century Fox Film Corporation überreden, in Star Wars zu investieren. Anders als die Science-Fiction-Filme zuvor war Star Wars weder glatt noch sauber. Es kam zu einem Bruch des Genres. Star Wars spielt in einer„gebrauchten Zukunft“ mit defekten Raumschiffen und einer ganz und gar nicht utopischen Welt. Einzuordnen wäre Star Wars demnach in das Genre der„Space Opera“, einem Science-Fiction-Film mit stark handlungsorientierter Erzählung, spielend in einem fiktiven Universum in einer fernen Vergangenheit und handelnd von dem andauernden Kampf zwischen Gut und Böse – zwei Seiten, die durch die helle und durch die dunkle Seite der Macht repräsentiert werden. (Kaminski 2007) Ein klassisches Heldenepos, das George Lucas durch die Zusammenarbeit mit dem Mythologen Joseph Campbell perfektionieren wollte. Gut und Böse sind allerdings nicht nur zwei Gegensätze, die ohne einander nicht seien können, sondern sie bedienen sich beide der sogenannten Macht.

Feichtinger beschreibt die Macht als innerfilmisches, rudimentäres Konzept einer Religion (Feichtinger 2006, 63). Mit dieser Annahme hat er nicht ganz unrecht. Denn was genau die Macht eigentlich ist, wird in den Filmen nicht erläutert, und auch im Expanded Universe sucht man vergeblich nach Antworten. So ist es der/dem Betrachter/in selbst überlassen, wie er die Macht interpretiert. Sie hat nicht den Anspruch andere etablierte religiöse Deutungsformen zu ersetzen, sondern vielmehr bekommt die Macht einen Verweischarakter, der das Publikum zur Reflexion über das Göttliche und die Religion anregen soll. In Episode IV kommt es zu einer kurzen Erläuterung der Macht. Der Jedi Obi-Wan Kenobi beschreibt sie wie folgt:

„Die Macht ist es, die dem Jedi seine Stärke gibt. Es ist ein Energiefeld, das alle lebenden Dinge erzeugen. Es umgibt uns, es durchdringt uns, es hält dieGalaxis zusammen.“ Mehr erfährt der/die Zuschauer/in über die Macht nicht. Allerdings kann der/die Zuschauer/in sich durch diese oberflächliche Erläuterung der Macht seine eigene populäre Religion konstruieren. Denn dasFehlen einer Erläuterung fördert die „Selbstentfaltung“, wie Knoblauch sie konstatiert. Denn gerade durch ihre fragmentarische Darstellung passt sie in seine These. Sie ist nämlich kein unveränderliches Dogma, welches den/die Zuschauer/in – oder nennen wir ihn/sie populär-religiösen Akteur/in – an eine feste Organisationsstruktur bindet. Dennoch ist eine spirituelle Erfahrung nicht ausgeschlossen. An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass der Begriff„Spiritualität“ gegenüber „Sprache“, „Kultur“ und „Bewegung“ unterschiedlich interpretiert wird. Auch wenn es unmittelbare begriffliche Entsprechungen gibt –etwa „Religion“ oder „Spiritualität“ im Deutschen und „religion“ bzw. „spirituality“im Englischen – ist damit nicht ausgemacht, dass die Begriffe in unterschiedlichen Kulturen auch tatsächlich deckungsgleich konnotiert sind. Da mein Essay auf Hubert Knoblauchs These der populären Religion aufbaut, beziehe ich mich auch auf seine Interpretation des Begriffs der Spiritualität. Knoblauch konkretisiert Spiritualität wie folgt und bezieht sich hierbei auf Bochinger. Spiritualität bezeichne schon am Ende des vorigen Jahrhunderts eine sich auf innere Erfahrung berufende, vollmächtige und frei- geistige Haltung gegenüber religiösen Fragen, die sich im Gegensatz zur „dogmatischen Religion“ traditioneller Christlichkeit sehe (Knoblauch 2007, 121). Eine unmittelbare Verbindung mit Religion müsse Spiritualität nicht haben.

 

Der Jediismus und die Macht

Ein Beispiel für das Aufgreifen der Macht als spirituelles Konzept ist der Jediismus. Hier zeigt schon die Startseite des „Jedi Tempel Austria“, dieParallelen zur Macht und zu den Star Wars Filmen selber auf.

„Unser Glaube basiert – bzw. ist eine Mischung aus – alten Weisheiten aus den verschiedensten Religionen, sowie moderner Philosophie.“ (Jedi- Tempel.eu)

„Wir fördern Aktivitäten, welche sowohl die physische als auch die psychische (mentale) Gesundheit fördern, wie etwa die Ausübung von diversen Kampfkünsten und Meditation. „(vgl. ebd.)

„‚Jediismus‘ ist ein Begriff, welcher dem Namen nach durch die Filme vonGeorge Lucas (& Steven Spielberg) inspiriert wurde. Da aber die Beiden ja ihrerseits An- leihen bei den alten Religionen unserer Welt genommen haben, ist das Ganze schlussendlich nichts Anderes als ein Kreislauf. (So wie alles im Leben ein Kreis- lauf ist […]).“ (vgl. ebd.)

Wie wir an diesen Aussagen sehen können, lehnt sich der Jediismus sehr stark an das Leben der Jediritter in den Star-Wars-Filmen an. Denn auch für sie gilt der Jedi-Kodex. Außerdem greifen sie den Machtgebriff, so wie er in Episode IV.-VI. bekannt ist, auf und bauen darauf ihren religiösen Glauben auf. Wenn sich der Jediismus mit dem Glauben an die Macht befasst, denkt er dabei nicht wie in der Star Wars Hexalogie an kleine, intelligente „Bewohner“ (Midi- Chlorianer), welche in jedem Lebewesen für die Präsenz der Macht verantwortlich sind. Vielmehr wird die Macht eine allumfassende, alles durchdringende und verbindende Universalenergie betrachtet, so wieBen Kenobi es im vierten Teil der Star Wars Saga ausgedrückt hat (vgl. Wikipedia: Jediismus).

 

Schlussfolgerung

Wie dieses Essay zeigt, produzierte Lucas ein modernes, zugängliches Konzept, das dem Zuschauer zur Einsicht verhilft, dass uns ein größeres Mysterium umgibt. Dieses Mysterium „die Macht“ ist nicht genau erklärt, sondern lässt Spielraum für eigene Gedanken und Interpretationen. Offensichtlich folgt in Episode I. ein Versuch der Verwissenschaftlichung durch die Midi-Chlorianer. Für die Theorie der populären Religion, die den/die Akteur/in erlaubt, sich „das Beste von allem“ herauszupicken, um sichseine/ihre eigene Spiritualität zu schaffen, spielt das allerdings keine Rolle. Ferner wurde deutlich, dass Filme oder neue Medien auch eine neue Form des religiösen fördern oder hervorbringen können, wie am Beispiel des Jediismus deutlich wurde. So ist der Jediismus ein Paradebeispiel Hubert Knoblauchs populärer Religion. Die Macht wird hier aufgegriffen und erweitert, oder besser gesagt genutzt, um eine eigene „populäre Religion“ zu schaffen.

Dennoch gilt es auch Knoblauchs These zu kritisieren. Denn es stellt sich die Frage nach der Wissenschaftlichkeit. Da seine Thesen und seine Beschreibung der populären Religion zum Teil sehr weit formuliert sind, gibt es keine klaren Grenzen. Demnach könnte alles, was man in der Freizeit betreibt, irgendwie als religiös und spirituell bezeichnet werden. Dass „religion made in Hollywood“ bald traditionelle Religionen ersetzt, ist eher unwahrscheinlich. Stattdessen ist ein paralleler Verlauf zu beobachten, insofern mediatisierte Religion nur einen kleinen Teil in einem fluiden, sich verändernden, religiösen Feld einnimmt.

 

Literaturverzeichnis

 

Feichtinger, Christian: Körper als Symbolsystem des Guten und Bösen in Star Wars, Graz, 2010.

Michael Kaminski: The Secret History of Star Wars. Legacy Books, Kingston,. 2007.

Knoblauch, Hubert: Populäre Religion. Auf dem Weg in eine Spirituelle Gesell- schaft, Frankfurt/Main, 2007.

Seeßlen, Georg: Global Dream Play, Hollywood am Beginn des nächsten Jahr- hunderts, 22, in: epd. Film 1/2000.

http://www.augsburger-allgemeine.de/aichach/Die-grosse-Stunde-der-Star- Wars-Juenger- schlaegt-auch-in-Aichach-id36368932.html, zuletzt aufgerufen am 09.07.2018, 17:00 Uhr.

http://jedi-tempel.eu/43.html, zuletzt aufgerufen am 9.7.2018, 16:03 Uhr.

http://jedipedia.wikia.com/wiki/Jediismus, zuletzt aufgerufen am, 9.7.18, 16:15 Uhr.

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/star-wars-britische-regierung- lehnt-jedi-als-religion-ab-a-1126637.html, zuletzt aufgerufen am 9.7.18, 15:42 Uhr.

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