Dominik Winter: Die Boten der Macht? Prophetie in Star Wars und ihre Auswirkungen auf die Metaphysik der „Macht“

Bild: pixabay.com, andreaswierer, CC-0


Hinführung

„Du sprichst von der Prophezeiung, dass einer der Macht das Gleichgewicht bringen wird? Und du glaubst, es ist dieser Junge?“ (DDB).Die hier genannte Prophezeiung ist vielleicht der wichtigste Ausgangspunkt der gesamten sechs ersten Episoden des Star Wars Universum und eventuell sogar darüber hinaus. Nur aufgrund dieser Prophezeiung besteht Qui-Gon Jinn darauf Anakin Skywalker zu einem Jedi auszubilden. Nur weil Anakin zu einem Jedi ausgebildet wurde, ist er in der Lage zusammen mit Imperator Palpatine die Galaktische Republik und den Jedi-Orden zu stürzen. Nur wegen seiner herausgehobenen Stellung im Imperium ist er in der Lage den Imperator zu töten und die Sith zu vernichten. Aber wie kann es überhaupt zu einer solchen Prophezeiung kommen? Wer ist derjenige der sie empfangen hat? Und wenn jemand diese Prophezeiung empfangen hat muss sie dann auch von jemanden entsendet worden sein? Auch wenn Prophetie schon vorher existierte, ist es doch gerade das jüdisch-christliche Verständnis, welches unsere heutigeVorstellung von Prophetie maßgeblich geprägt hat. Deshalb werde ich untersuchen, ob es möglich ist mit Hilfe dieser Vorstellung auch das Konzept der Prophetie in Star Wars besser zu verstehen und die dafür nötigen Hintergrundannahmen aufzudecken. Es wird dafür wesentlich notwendig sein, über die Metaphysik, genauer gesagt das Gottesbild in Star Wars nachzudenken, um zu einer Lösung gelangen zu können. Fragen über das Wesen der „Macht“ wurden gerade durch Episode I und dem Konzept der Midi-Chlorianer neu angestoßen und eine Entscheidung über dieses Wesen hat nicht unerheblichen Einfluss darauf, ob und wie wir Prophetie in Star Wars verstehen können. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden uns abschließend zu ansatzhaften Überlegungen führen, wie in einem theologischen Konzept, das mit einem ähnlichen Gottesbild wie Star Wars arbeitet, die Frage nach der Prophetie angegangen werden könnte.

 

Die „Macht“ als Gott und die Frage nach dem Gottesbild

Biblisch lassen sich drei wesentliche Merkmale benennen, die einen wahren Propheten kennzeichnen:

  • Er stärkt die Liebe zu Gott (Dtn 13,2-6).
  • Er muss wie Mose sein, sprich sich an die Gesetze und die Tora halten (Dtn 18,15-16).
  • Das, was er verkündet muss auch eintreffen (Dtn 18,21-22).

Wenn wir dieses Konzept auf das Star Wars Universum übertragen wollen, müssen wir zunächst eine Parallele zu den entscheidenden Faktoren finden, die hier eine Rolle spielen, also zu Gott, den Propheten und dem Gesetz. Die Identifizierung Gottes mit der „Macht“ scheint dabei relativ offensichtlich zu sein, da George Lucas selbst oft genug in Interviews klargestellt hat, dass er die „Macht“ als eine göttliche Kraft konzipiert hat (vgl. Moyers (1999), 3). Die Schwierigkeit liegt aber darin, dass wir hier bereits auf ein tief liegendes Problem der Fragestellung stoßen, nämlich die Frage nach dem Gottesbild, die sich sowohl für Star Wars aber auch für die Theologie stellt. In Star Wars stehen wir dabei vor der Alternative, ob wir von dem in Episode I vorgestellten Konzept der Midi-Chlorianer ausgehen, oder von einem Kraftfeld, wie es besonders in Episode IV von Obi-Wan Kenobi, in Episode V von Yoda und auch kürzlich erst wieder in Episode VIII von Luke Skywalker vorgestellt wurde. Für die Theologie stellt sich eine ähnliche Frage, nämlich, ob wir von einem personalen oder von einem monistischen – dies wird später noch näher erläutert – Gottesbild ausgehen. Die Wahl hat in beiden Fällen darauf Auswirkungen, ob wir davon ausgehen können, dass wir es mit einem Gegenüber zu tun haben, das einen eigenen Willen besitzt und damit auch intentional Handeln kann oder ob dieses Gegenüber keinen eigenen Willen besitzt und damit zwar – wie ein Kraftfeld – nach einem gewissen Gleichgewicht streben kann, wie immer das auch aussieht, dies aber nicht intentional vermag. Daraus folgen auch entscheidende Auswirkung auf die Frage, wie wir Prophetie in dieser Welt denken können.

Die wahren Propheten

Wenn Gott mit der „Macht“ identifiziert wird, wäre die scheinbar offensichtliche Wahl für die Äquivalente von Propheten und Gesetz die Jedi und der Jedikodex. Doch auch die Sith können die „Macht“ nutzen und sprechen damit in Gewissem Sinn für die „Macht“. Auch wenn die Jedi diejenigen sind, die uns die Prophezeiung vorstellen, kennen wir den ursprünglichen Empfänger nicht. Es stellt sich also zunächst die Frage, welche Interpretation der „Macht“ die wahre ist und ob die Jedi oder die Sith die wahren Propheten sind. Wenn wir in Anlehnung an das jüdisch-christliche Prophetiekonzept davon ausgehen, dass die Prophezeiung eingetroffen ist (sonst wäre sie keine wahre Prophetie), muss also die Frage beantwortet werden, was gemeint war mit „der Macht Gleichgewicht bringen“ (DDB) und welche Fraktion dies erfüllt. Es ist gerade der an dem Konzept des Gleichgewichts verzweifelnde Luke Skywalker in Episode VIII, der uns den entscheidenden Hinweis auf das Verständnis der „Macht“ gibt. Sie ist das völlige Gleichgewicht aller Kräfte der Natur (vgl. DLJ) und damit ist die Aufgabe der wahren Propheten der „Macht“ eben genau die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts. Sowohl die Jedi in der Prequel-Trilogie, als auch die Sith stehen aber für einen egoistischen Missbrauch der „Macht“ und damit für eine Gefährdung dieses Gleichgewichts; die Jedi durch ihre von Yoda beklagte Arroganz (vgl. DRDS), die Sith durch ihre Zerstörungswut. Die Prophezeiung wird deswegen sowohl durch die Vernichtung des Jedi-Orden als auch durch den Tod des Imperators erfüllt; beides Akte von Anakin Skywalker aber auch beides Vergehen, denen er sich selbst schuldig gemacht hat, weshalb er selbst nicht als Prophet in Frage kommt.

Wer ist also wirklich ein Prophet der „Macht“? Zwar scheint der Jedikodex tatsächlich das Gesetz, an das sich diese Propheten halten sollen, darzustellen, da er ebenfalls dieses Gleichgewicht der „Macht“ und der Person mit sich selber proklamiert, die meisten Jedi fallen aber trotzdem aus dem Raster, da sie diesem Kodex nicht komplett folgen. Wie auch in der Geschichte des Judentums und des Christentums sind es also auch im Star Wars Universum nur vereinzelte Individuen, die wirklich wahre Propheten Gottes bzw. der „Macht“ sind. Aus meiner Sicht trifft dies vor allem auf Qui-Gon Jinn, Yoda und Obi-Wan Kenobi zu. Alle drei haben absolutes Vertrauen in die „Macht“, was sie an mehreren Stellen der Filme unter Beweis stellen (Qui-Gon durch seinen festen Glauben daran, dass er das prophezeite Kind gefunden hat (vgl. DDB), Yoda durch seine gesamte Lehre insbesondere während Lukes Ausbildung (vgl. DISZ), Obi-Wan in seinem letzten Kampf mit Darth Vader (vgl. ENH)), womit sie einerseits das erste Kriterium erfüllen, denn sie spornen auch andere damit zum Vertrauen auf die „Macht“ an (so bspw. wenn Obi-Wan Luke am Ende von Episode IV dazu bringt, auf die „Macht“ statt auf Technologie zu vertrauen). Andererseits erfüllen sie damit auch Kriterium zwei, denn sie kommen damit den Forderungen des Jedikodex nach. Auch das dritte Kriterium wird von jedem der drei erfüllt, denn alle treffen in gewissem Sinn eine Vorhersage, die später zutrifft: Qui-Gons Vertrauen darauf, dass er den Auserwählten gefunden hat (vgl. DDB), Yodas Vorhersage, dass Luke seine Freunde nicht retten kann (vgl. DISZ) und Obi-Wan in der Aussage gegenüber Darth Vader, dass dieser ihn nicht besiegen wird (ENH).

Das Wirken der „Macht“ und der Monismus

Nun da wir wissen, wer die wahren Propheten der „Macht“ sind, stellt sich immer noch die Frage, wie die „Macht“ ihre Propheten einsetzen kann. Interessanterweise sind es gerade – wenn nicht sogar ausschließlich – Qui-Gon, Obi-Wan und Yoda, die vom „Willen der Macht“ sprechen. Auch wenn man das Streben eines Kraftfeldes nach Gleichgewicht im übertragenen Sinn auch als „Willen“ bezeichnen könnte, halte ich es für äußert fragwürdig, ob sich auch das Gewähren einer Prophezeiung als unintentionale „Nebenwirkung“ dieses Strebens denken lässt. Es scheint mir daher auch kein Zufall zu sein, dass Qui-Gon Jinn in Episode I – also dem Film, der auch die Prophezeiung überhaupt erst einführt – zu Anakin davon spricht, dass er, wenn er genau hinhöre, die „Macht“ sprechen hören könne (vgl. DDB). Damit Prophetie also im Star Wars Universum funktionieren kann, müssen wir vom Konzept der Midi-Chlorianer ausgehen, denn nur so wäre es möglich, dass die „Macht“ spricht. Die Midi-Chlorianer müssen dabei allerdings so gedacht werden, dass sie eine Art Hive-Mind besitzen, also einen gemeinschaftlichen Willen und nicht als Individuen gedacht werden, da ansonsten das Konzept eines einheitlichen Willens komplett auseinanderfällt. Die Frage stellt sich dann aber wiederum, ob wir hier von einem „personalen Gottesbild“ ausgehen müssen, damit dies denkbar bleibt.

Kann eine Wesenheit mit einem Hive-Mind eine Person sein? Die Beantwortung dieser Frage hätte auch interessante Auswirkung auf ein monistisches Gottesbild. Im Monismus gehen wir – vereinfachend – davon aus, dass Gott nicht als eigene Person gegenüber der Welt gedacht wird, sondern entweder mit der Welt identisch ist (Pantheismus) oder die Welt ein Teil Gottes ist (Panentheismus) (vgl. Lerch (2017), 154ff.). In einer solchen Konzeption scheint mir auch das Handeln Gottes in der Welt höchstens auf das eingeschränkt zu sein, was auch die „Macht“ in der Konzeption als Kraftfeld leisten kann, nämlich das Streben nach einem gewissen Gleichgewicht, ohne direktes intentionales Handeln. Wenn wir aber davon ausgehen, ist im Monismus Prophetie wie sie im Judentum und Christentum verstanden wird nicht möglich, womit ein wesentlicher Aspekt dieser Religionen verloren gehen würde. Der Vergleich zwischen Star Wars und dem Monismus bietet sich aber generell gut an, denn die Art und Weise, wie wir uns Gott vorstellen können in einer solchen Konzeption korrespondiert sehr gut miteinander, da in beiden Konzeptionen die Welt und Gott enger miteinander verknüpft sind, als im klassischen Bild eines personalen Gottes. Es wäre also die Frage, ob sich nicht auch hier eine Parallele denken ließe, damit auch im Monismus Prophetie denkbar bleiben könnte. Ich denke, dass eine Analogie zwischen dem Konzept der Midi-Chlorianer und dem Panpsychismus vielversprechend sein könnte, um dieses Problem zu lösen.

Fazit

Die Midi-Chlorianer sind ein viel kritisiertes Konzept, das erst mit dem vierten Film eingeführt wurde. Dennoch ist es notwendig, damit die alle sechs Episoden umfassende Geschichte verstehbar ist, denn die alle Ereignisse der sechs Episoden anstoßende Prophezeiung ist, zumindest im Kontext eines jüdisch-christlichen Prophetieverständnisses, nur verstehbar, wenn es die Midi-Chlorianer sind, die diese Prophezeiung ermöglicht haben – zumindest solange man davon ausgeht, dass ein Kraftfeld nicht intentional handeln kann, wovon ich hier zwar ausgegangen bin, was aber in aktuellen Debatten um den Monismus diskutiert wird. Dadurch ist auch deutlich geworden, dass die „Macht“ einige wenige auserwählte, wahre Propheten hat, die wie im Judentum und Christentum besondere Persönlichkeiten sind, die den Willen der „Macht“ bzw. Gottes nach außen darstellen. Ob dieses Konzept auch fruchtbar für eine theologische Untersuchung bspw. durch die Verbindung von Monismus und Panpsychismus gemacht werden könnte, müsste aber erst in einer weiteren Vertiefung des Themas gezeigt werden.

Literaturverzeichnis

LERCH, Magnus: Monismus als Denkform christlicher Theologie? Analyse und Diskussion des Konzepts von Klaus Müller. In: Nitsche, Bernhard/von Stosch, Klaus/Tatari Muna (Hg.): Gott – jenseits von Theismus und Monismus? Paderborn: Schöningh 2017, 153-167.

MOYERS, Bill: Of Myth and Men. In: TIME Magazine (April 18, 1999).

Siglen der verwendeten Filme:

DDB: Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung.

DISZ: Star Wars: Episode V – Das Imperium schlägt zurück.

DLJ: Star Wars: Episode VIII – Die letzten Jedi.

DRDS: Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith.

ENH: Star Wars: Episode IV – Eine neue Hoffnung.

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